Die Tür zur Tragödie – Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort (FAZ, 23.01.2022)

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.01.2022, Auszug: LEBEN, Seite 16

Immer wieder verunglücken Radfahrer durch Autotüren. Ein Betroffener berichtet.

Von Katharina Müller-Güldemeister

Es war der 19. Mai 2015. Michael Meier, damals 48 Jahre, holte sein Rad aus der Garage, um zur Arbeit zu fahren. Elf Kilometer lagen vor ihm, erst durchs Wohngebiet, dann durch den Wald. Doch bis dort kam er an diesem Tag nicht. Nach wenigen hundert Metern öffnete sich eine Autotür.

Eigentlich müssten Radler zur Sicherheit einen Meter Abstand von parkenden Autos halten.
Doch wie soll das gehen? (Foto DVR)

„Bei 20 km/h haben Fahrräder einen Bremsweg von elf Metern“, sagt Meier am Esstisch des Einfamilienhauses in Krefeld, in dem er mit seiner Frau Susanne Schleußer und seinem 20 Jahre alten Sohn Henric lebt. Die Fahrertür habe sich geöffnet, als er auf Höhe des Kofferraums war: „Ich wurde über die Tür geschleudert und bin aus zwei Meter Höhe mit dem Kopf auf den Asphalt geknallt.“ Meiers Frau hat Kaffee und zwei Tassen hingestellt und sich in ihr Arbeitszimmer unterm Dach zurückgezogen. Sie ist selbständige Lektorin und steht vor einer Abgabe. Auf seiner Tasse steht: „Schön, dass es dich gibt!“

Kaffee trinken gehört zu den Dingen, die Michael Meier nach dem Unfall nicht mehr konnte. 23 Monate lang wurde er über eine Magensonde ernährt, zweieinhalb Wochen lag er im künstlichen Koma. Er kam mit schwerem Schädelbruch auf die Intensivstation, wo man ihm vorübergehend ein Stück Schädelplatte herausnahm, damit sich Hirnwasserdruck und -temperatur reduzieren konnten. Von dem Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades sieht man noch eine Delle und eine Beule am Haaransatz. Im Kopf regelt ein Shuntsystem den Hirnwasserdruck, damit er sich nicht aufstaut. Auffälliger ist Meiers steifer Gang und dass er seine Finger nicht richtig strecken kann: „Das kommt vom Liegen.“ Mehr als zwei Jahre hat er in Kliniken verbracht, wo seine Frau ihn fast täglich besuchte. Rund 70 Kilometer waren es nach Köln, eine Strecke.

Gearbeitet hat Meier seither nicht mehr. Zum Glück habe er eine Unfallversicherung, und die Berufsgenossenschaft zahle ihm zwei Drittel seines letzten Gehalts als Wirtschaftsingenieur. Er war jemand, der alle paar Jahre den Job wechselte und sich dabei nicht verschlechterte. Durch die Autotür, die sich vor knapp sieben Jahren vor ihm geöffnet hat, ist Meiers Leben ein anderes geworden. Genauso wie das seiner Frau und das seines Sohnes.

Seine körperlichen Verletzungen waren das eine. Das andere war das große Loch in seinem Gedächtnis. In seiner Vorstellung wohnte er noch in einem anderen Haus, in einer anderen Stadt und arbeitete für eine andere Firma. Und er erkannte seinen Sohn nicht wieder, der viel größer war, als er ihn in Erinnerung hatte. Wer so zurückgeworfen wird im Leben, kann sich leicht in einem Netz aus Konjunktiven verfangen. Etwa: Hätte er den Hund eine halbe Minute länger gekrault, wäre der Unfall vielleicht nicht passiert. Doch solche Gedanken seien ihm nie gekommen, so Meier. „Wie sagen die Engländer so schön: Shit happens.“ Er sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) schätzt, dass jedes Jahr mehrere tausend Radfahrer zur falschen Zeit am falschen Ort sind, was Autotüren angeht. Eine Studie der Unfallforschung kommt zu dem Schluss, dass sieben Prozent der Pkw-Fahrrad-Unfälle sogenannte Dooring-Unfälle sind und etwa jeder fünfte davon zu einer schweren Verletzung führt, meist am Kopf – wie bei Michael Meier – oder an den Beinen. Laut ADFC sterben durchschnittlich drei Menschen pro Jahr durch plötzlich geöffnete Autotüren.

In Zeitungen liest man von dieser Art Unfall wenig. Dazu muss schon eine prominente Person beteiligt sein wie die Witwe des Filmproduzenten Bernd Eichinger, die 2020 aus einem Taxi stieg und eine Radfahrerin zu Fall brachte. Für Aufsehen sorgte auch ein Diplomat in Berlin, der seinen Porsche im Halteverbot geparkt hatte. Durch seine Tür starb kurz darauf ein Radfahrer. Gerichte sehen die Verantwortung beim Autofahrer. Weil Diplomaten aber Immunität genießen, gab es keine Anklage.

Für Michael Meier, der einst vier Marathons mit Inlineskates fuhr, bedeutete dieser Unfall, mit vielem von vorn zu beginnen. Schlucken, sprechen, laufen: das und vieles mehr musste er neu lernen. An guten Tagen kann er drei Kilometer gehen, auch Fahrrad fährt er wieder. Stolz führt er sein Dreirad vor, mit dem er zum Markt fährt. Noch stolzer ist er auf sein Fahrrad, an das er Stützräder montiert hat. „Ich bin aufgestiegen, von drei auf vier Räder“, sagt er und grinst. Dafür muss aber sein Gleichgewichtssinn mitspielen, der noch gestört ist.

In seinem Eifer, sich in Form zu bringen, wirkt er unermüdlich. Über Fotos, Unterlagen und Erzählungen hat er sein Lebenspuzzle wieder zusammengesetzt. Viele Stunden Gedächtnistraining liegen hinter ihm. Jede Woche geht er zur Ergotherapie, zur Krankengymnastik und ins Fitnessstudio. Er hofft, dass er eines Tages wieder zwei bis drei Stunden am Tag arbeiten kann.

Es ist ein langer Weg der kleinen Schritte; umso erstaunlicher ist es, dass Meier den Humor nicht verloren hat. Im Gegenteil: Dieser scheint sein Mittel zu sein, die Dinge leichter zu nehmen, als man sie sich vorstellt. Selbst wenn er über die Unfallverursacherin spricht, hört man keine Bitterkeit in seiner Stimme: „Sie ist Angestellte eines Pflegedienstes, aber die wollten dadurch keine Kunden gewinnen“, sagt er und lacht. „Ich bin der Person nicht böse.“ Er sei einer, der nach vorne schaut und überlegt, was man besser machen kann.

Das tat auch ein Freund und brachte seine Firma dazu, jeden Dienstwagen mit Aufklebern zu versehen, um den „Holländischen Griff“ als Gewohnheit zu etablieren. „Sei kein Fahrradfresser, greif rechts, schau links“, steht darauf. Denn öffnet ein Fahrer die Tür mit der rechten Hand statt mit der linken, macht er den Blick nach hinten fast automatisch.

Doch was können Radler tun, die nicht darauf vertrauen möchten, dass Autofahrer beim Aussteigen an sie denken? Roland Huhn, ADFC-Referent für Recht, sagt: Eigentlich müssten Radfahrer mindestens einen Meter Abstand von parkenden Autos halten, vom Lenker gerechnet. Doch so weit auf der Straße zu fahren sei nicht jedermanns Sache, da man häufig von Autos bedrängt werde, die auf das Rechtsfahrgebot pochten. Eine technische Hilfe sieht er in Assistenzsystemen, die die Autotür blockieren, wenn sich von hinten etwas nähert.

Nicht jeder, der einen so schweren Unfall hatte wie Michael Meier, steht danach so im Leben wie er. Nicht jeder schaut so nach vorn. Nicht jeder hat so eine Frau wie Susanne Schleußer, die Job und Leben wie selbstverständlich zurückstellt, um von morgens bis abends da zu sein. „Ich habe gespürt, da ist wirklich Liebe da“, sagt Meier; seine Augen glänzen. „Es stand nie zur Diskussion, ob es auseinandergeht.“ Er empfinde eine große Dankbarkeit für alles, was sie für ihn getan habe. Und nicht nur sie, auch Familie, Freunde und Nachbarn hätten das. Dann macht er eine Pause, in der man Familienhund Pelé schnarchen und das Feuer im Kamin knacken hört.

Die Sache, mit der Meier am meisten zu kämpfen hat, ist die Beziehung zu seinem Sohn. „Mir fiel es extrem schwer, in sein Leben reinzukommen, weil ich zeitlich hinterher war“, sagt er. Seine Stimme klingt nun gepresst. „Als ich nach Hause kam, habe ich mich erst mal mit mir selbst beschäftigt, überhaupt nicht mit ihm und was der Unfall bei ihm ausgelöst hat.“ Gerade im jugendlichen Alter müsse man ja auch noch das eigene Leben finden. „Da keine Unterstützung zu sein tut schon weh.“ Die verlorenen Jahre mit ihm würde er gerne aufholen.

Und wie lebt die Unfallverursacherin damit? Meier zögert. Er würde sie ungern mit dieser Frage belasten. „Wäre mir das passiert, würde mir das immer nachhängen“, sagt er. „Ich kann mir vorstellen, dass es einer Frau, die einen Pflegeberuf macht, erst recht so geht.“ Er hat Tränen in den Augen. Er könnte ihre Nummer raussuchen, schlägt aber vor, erst beim Pflegedienst vorzufühlen.

Als er hochgeht, um dessen Nummer zu suchen, wird seine Frau hellhörig und kommt danach mit ihm die Treppe herunter. Sie erzählt, dass sich die Pflegerin im Zuge des Täter-Opfer-Ausgleichs, der in so einem Fall gemacht wird, aufrichtig bei ihr entschuldigt hat. „Ich habe ihr angemerkt, dass ihr die Sache sehr nahegeht“, sagt sie. Susanne Schleußer bat sie, sich nicht mehr zu melden. „Ich musste erst mal selbst mit der Situation klarkommen und konnte mich nicht auch noch mit ihrer Situation belasten.“ Die Vorstellung, von ihr in diesem Text zu lesen, wühle sie auf. „Es ist nicht alles gut, Mika“, sagt sie zu ihrem Mann. Der nickt und nimmt sie in den Arm. Es liegen noch viele kleine Schritte vor der Familie.

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