Das Leben nach dem Unfalltod (FAZ, 04.06.2017)

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.06.2017, Politik, Seite 7
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.06.2017, Politik, Seite 7

Stirbt ein Mensch bei einem Autounfall, sind 113 Menschen betroffen: Ehepartner, Verwandte, Freunde, Ärzte, Sanitäter, Zeugen. Wer kümmert sich um sie?

Von Karin Truscheit

Im Jahr 2005 kamen 5361 Menschen im Straßenverkehr ums Leben. Drei davon gehörten zu Katharina Körner: ihr Sohn, ihr Mann, ihr Bruder. Die drei saßen gemeinsam im Auto. In ihrer Heimatstadt Baden-Baden wurde Körner zu der Frau „mit den drei Toten“. Man tuschelte über sie, wenn sie mit ihrem Zwillingskinderwagen in den Supermarkt kam. Katharina Körner ging durch diese erste Zeit im Überlebensmodus, überstand so Beerdigung, Behördengänge, Papierkram. Langsam, jeden Tag ein wenig mehr, fraß sich jedoch die Erkenntnis ins Bewusstsein: Die kommen nicht wieder. Der Schmerz war nicht auszuhalten.

Am schlimmsten waren die Nächte. Manchmal rannte sie in den Wald, einfach nur, um zu schreien. Sie wollte den Fahrer des Wagens umbringen, der eine Woche nach dem Unglück seine Arbeit als Anwalt wiederaufnahm. Die Konsequenzen für ihn, den besten Freund ihres Mannes, waren überschaubar. Strafbefehl wegen fahrlässiger Tötung, Geldstrafe, neun Monate Bewährung. „Er ist ein Jahr lang Bahn und Bus gefahren, das war’s.“ Und Körner wollte sterben, um ihrem Sohn nahe zu sein. „Das Kind, das eigene Kind, das wird dir aus dem Herzen gerissen.“ Als der Polizist ihr an dem furchtbaren Tag sagte, dass ein „schwerer Unfall“ passiert sei, fragte sie als Erstes nach ihrem Kind. Der Polizist sah auf den Boden. Dann fragte sie nach ihrem Mann und ihrem Bruder, und der Polizist konnte nichts sagen, sondern nur auf den Boden schauen. „Da wusste ich: Auf den Boden schauen heißt tot.“

Heute, zwölf Jahre später, unterstützt Katharina Körner die neue Plakatkampagne der Aktion „Runter vom Gas“. Initiiert wurde sie vom Bundesverkehrsministerium und dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat. Die Aktion gibt es mit wechselnden Kampagnen schon seit 2008; sie will durch „emotionale Ansprache“ Autofahrer für die Ursachen von Verkehrsunfällen sensibilisieren. Diesmal stehen das Leid der Angehörigen und die Belastungen der Rettungskräfte im Vordergrund. Seit Mitte Mai sind die neuen Plakate, die trauernde Menschen zeigen, entlang von Autobahnen zu sehen. Katharina Körner sagt, sie habe nach dem Unglück viele Jahre gebraucht, um ihrem Leben einen „Rahmen“ zu geben, in dem sie sich „zurechtfindet“.

Sie kann sich also, wie vor kurzem während der Vorstellung der Kampagne, vor eines der neuen Autobahnplakate stellen. Auf dem Plakat ist das Gesicht einer weinenden Frau zu sehen, darüber steht „Runter vom Gas!“. Katharina Körner lächelte für die Fotografen und erklärte kurz, dass dieses Motiv am besten passe, weil ihre Familie ja auch durch „überhöhte Geschwindigkeit“ verunglückt sei. Direkt neben ihr stand ein Plakat mit Tränengesicht und „Finger vom Handy!“ Dazu erzählte ein Polizist, wie man bei einem tödlich verunglückten jungen Mann, nachdem man ihn aus dem Blechberg geschnitten hatte, noch das Handy auf dem Schoß fand. Auf dem Display stand „Hallo“, er wollte wohl gerade eine Nachricht beantworten. Dabei krachte er auf der Gegenfahrbahn in einen Vierzigtonner.

„Ablenkung“, wie diese Unfallursache genannt wird, ist verantwortlich für jeden zehnten Verkehrsunfall mit Todesfolge. Allein 2015 kamen nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums 350 Menschen ums Leben, weil ein Autofahrer während der Fahrt gegessen, getrunken, geraucht, ins Handschuhfach gegriffen oder „kurz“ auf das „Pling“ auf dem Smartphone reagiert hat. Vor einigen Monaten wurde in Reading in England ein Lastwagenfahrer zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, da er mit seinem Fahrzeug ungebremst in ein Auto am Ende eines Staus gekracht war. Das Auto wurde auf ein Drittel seiner ursprünglichen Größe zusammengeschoben, vier Menschen – eine Frau, ihre beiden Söhne und ihre Stieftochter – starben. Der Lastwagenfahrer war „kurz“ durch die Playlist auf seinem Handy gegangen. Er hätte genauso gut mit geschlossenen Augen fahren können, sagte die Richterin bei der Urteilsverkündung.

Doch überhöhte Geschwindigkeit, oder, wie es eigentlich heißt, „nicht angepasste Geschwindigkeit“ – denn auch die zulässige Geschwindigkeit kann bei Regen oder Nebel zu hoch sein – bleibt die häufigste Ursache für Unfälle mit Todesopfern. Jeder dritte von den 3214 Menschen, die im vergangenen Jahr auf deutschen Straßen ums Leben kamen, starb, weil er oder jemand anderes „unangepasst“ und damit zu schnell fuhr.

„Unangepasst“ waren im Fall von Katharina Körners Familie 150 Kilometer pro Stunde. Erlaubt waren 70. Der Fahrer des Wagens überlebte nahezu unverletzt. Viel zu schnell hatte er das Auto in eine Kurve gelenkt, es schleuderte gegen Bäume, vor den Augen einer Familie, die dort Rast machte und Brote aß. Während die Rettungskräfte noch verzweifelt versuchten, Körners Sohn, ihren Mann und ihren Bruder aus dem brennenden Wrack zu ziehen, was nicht gelang, weil die Gurte geschmolzen waren, saß Katharina Körner zu Hause mit ihren zweijährigen Zwillingsmädchen und überlegte, ob die Torten für die Taufe der Töchter am morgigen Sonntag ausreichen würden. Dann klingelte die Polizei.

Abschied nehmen von den Toten durfte sie nicht. Sie wollte sie noch einmal berühren, das sei ihr wichtig gewesen. Doch die Polizei ließ sie nicht: Diese „Bilder“ solle sie nicht sehen. Ihr Mann und ihr Bruder waren vermutlich schon tot, als das Auto in Flammen aufging. Ihr Sohn, das kann sie jetzt ganz ruhig erzählen, hätte wohl gerettet werden können, wenn man die Gurte hätten lösen können. Man fand den Jungen unter seinem Vater, der sich auf der Rückbank in den letzten Sekunden noch schützend über sein Kind geworfen hatte.

Jahre nach dem Unfall lud Katharina Körner die Rettungskräfte und Polizisten, in deren Leben das Unglück der Familie Körner auch eingegriffen hat, zu Kaffee und Kuchen ein. Den Polizisten, der ihr die Todesnachricht überbracht hatte, erkannte sie zunächst nicht, dann fielen sie einander in die Arme. Er habe ihr gesagt, wie sehr ihn das Schicksal ihrer Familie verfolgt habe und wie schwer ihm der Gang damals gefallen sei, sagt sie. Denn jeder Unfall mit tödlichem Ausgang belaste nicht nur die Angehörigen, sondern auch die Menschen, die beruflich damit zu tun haben. Im Durchschnitt sind das 113 Menschen: elf Familienangehörige, vier enge Freunde, 56 Freunde und Bekannte, 42 Einsatzkräfte – Feuerwehrleute, Notärzte, Sanitäter, Ersthelfer, Polizisten, Abschleppfahrer, Bestatter.

Ermittelt wurden diese Zahlen, um die weitreichenden Auswirkungen „im persönlichen und beruflichen Umfeld“ aufzuzeigen, wie das Bundesverkehrsministerium mitteilt. Katharina Körner wollte den Rettungskräften ihre Dankbarkeit zeigen. Dafür, dass sie sich bei dem Unglück ihrer Familie dem Entsetzen entgegenstemmten. „An dem brennenden Auto, das muss furchtbar gewesen sein.“

Ein Wort wie „furchtbar“ würde Andreas Bayer, Notarzt der Luftrettung in München, ungern verwenden, um zu beschreiben, was er in seinem Beruf zu sehen bekommt. Zu viel Semantik, zu viel Ablenkung, ungefähr das Letzte, was Bayer gebrauchen kann, wenn er in den Hubschrauber steigt. Bayer spricht lieber von einer „hochkomplexen Szenerie“ mit „Polytrauma“, gleichzeitig entstandenen, lebensbedrohlichen Verletzungen mehrerer Organsysteme oder Körperregionen. Wenn er mit seinem Piloten losfliegt, ist die Lage meist komplex, sonst würde der Hubschrauber nicht angefordert. Bayer muss dann zum Beispiel einem Menschen, der schwerstverletzt zwischen Blechschichten eingeklemmt ist, einen venösen Zugang legen. Ausblenden muss der Arzt dann, was er am Fahrbahnrand wahrnimmt: Verletzte, die verzweifelt ihre Angehörigen anrufen, zerbeulte Kindersitze. Sein Fokus müsse auf dem Medizinischen bleiben, „anders geht es nicht“. Also auf dem, was als Erstes und was als Zweites zu tun ist.

Zeit zum Überlegen gibt es für Ärzte und Sanitäter kaum, wenn sie sich neben einem Autowrack über Verletzte beugen. Bestenfalls läuft da ein „Entscheidungsalgorithmus“ ab, wie Bayer sagt, streng „prioritätenorientiert“, um aus der komplexen Situation eine beherrschbare zu machen, das heißt: einen Menschen dem Tod zu entreißen. Trainiert werden solche Situationen an Puppen, um die so erworbene Erfahrung auf die Straße zu bringen. Das funktioniert auch umgekehrt: Situationen, die selbst für erfahrene Notärzte neu sind, werden von der Straße wieder in die Simulation übertragen. Wichtig sei nach jedem Einsatz eine genaue Besprechung. „Auch um zu sehen: Was macht das mit dem Kollegen?“ Man merke, ob ein Kollege erst mal eine Pause brauche, auch, wenn der das selbst noch gar nicht wisse. „Die fachliche und psychische Beanspruchung der Rettungskräfte ist sehr hoch.“

Sogar bei den Simulationsübungen merke man das, sagt Bayer. Zwar werde bei einem Einsatz viel Adrenalin ausgeschüttet, doch es dürfe eben weder zu viel noch zu wenig sein. Sonst könnten einen später Fragen heimsuchen: „Habe ich alles richtig gemacht? Hätte es eine andere, eine bessere Möglichkeit gegeben?“ Seine Familie, sagt der Notarzt, trage dies mit. „Ohne die ginge es kaum.“ Und wenn er frei hat, geht Andreas Bayer, der aus der Bergrettung kommt, gerne wieder in die Berge. Auch um das, was auf der Straße war, wieder loszuwerden.

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